Geschichte

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Geschichte

Zur Vorgeschichte der Musikzeitschriften in Österreich

In den zurückliegenden zwei Jahrhunderten gab es in Wien Versuche, Musikzeitschriften mit einem gewissen kunstsinnigen, theoretischen und journalistischen Anspruch zu etablieren. Sie hatten keinen leichten Stand. Nicht nur wegen der besonders engmaschigen und engherzigen k.k. Zensur in der Zeit zwischen der Französischen Revolution und dem Ersten Weltkrieg.
Nachdem von der Musikalischen Monathsschrift des Linzer Pädagogen, Theaterdirektors und Komponisten Franz Xaver Glöggl 1803 nur drei Hefte erschienen, hatte die 1817 gegründete [Wiener] Allgemeine musikalische Zeitung (AMZ) einen etwas längeren Atem. Sie war für den Aufstieg Ludwig van Beethovens zum Komponisten von europäischem Rang ebenso wichtig wie für ein bürgerliches Musikselbstverständnis. Doch hat sie das verflixte siebte Jahr nicht überlebt. Das Interesse der Leser an analytischen Texten, an differenzierteren Rezensionen, überhaupt an kritischer Auseinandersetzung mit Musik und Musikleben sowie an innovativem Musikdenken erwies sich in Österreich als begrenzt. Dass es sich hierbei um eine Konstante handelt, stellte auch Robert Schumann fest, als er im Jahr 1838 erwog, seine Neue Zeitschrift für Musik von Leipzig nach Wien umzusiedeln. Neben dem Zensurproblem war es das allzu konservativ geprägte ästhetische Klima, das den Journalisten und Komponisten Schumann vom Umzugsplan abbrachte.

Musikblätter des Anbruch und Österreichische Zeitschrift für Musik

Ein dauerhafteres Forum für theoretische und fachjournalistische Beschäftigung mit den Tonkünsten entstand 1919 kurz nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie im Umfeld der Universal-Edition, die sich der Wiener Moderne verschrieben hatte: Die Musikblätter des Anbruch erschienen doppelt so lang wie die AMZ: Immerhin 165 Heften und Doppelhefte. Die Bedeutung des Anbruch für die Entwicklung der Neuen Musik ist legendär – durch die theoretischen Interventionen von Theodor W. Adorno und Ernst Bloch, durch das Engagement von Paul Bekker und Hans Heinz Stuckenschmidt und anderen federführenden Journalisten, durch die umsichtige Tätigkeit des Schriftleiters Paul Stefan und insbesondere durch die Mitwirkung prominenter Komponisten. Ab dem Januarheft 1935 wurde das aufs Neue spezialisierte Periodikum in der Zeit des Austrofaschismus unter starken inhaltlichen Abstrichen und unter Preisgabe des Modernitätsanspruchs im Vorwärts-Verlag als Österreichische Zeitschrift für Musik weitergeführt. Mit dem »Anschluss« Österreichs an das Deutsche Reich verschwand die Österreichische Zeitschrift für Musik sang- und klanglos von der Bildfläche.
Bis zu einem gewissen Grad (aber nur teilweise) kann die Österreichische Zeitschrift für Musik als die Vorläuferin der zum 1. 1. 1946 gegründeten Österreichischen Musikzeitschrift (ÖMZ) gesehen werden.

Die Österreichische Musikzeitschrift (ÖMZ) 1946–2010

Peter Lafite (1908–1951), Sohn eines Wiener Komponisten, promovierter Jurist und Musikpublizist, nutzte als für Musik zuständiger Beamter im Unterrichtsministerium Ende 1945 die Gunst der Stunde – im Kontext der Konstituierung einer von Deutschland wieder unabhängigen und neutralen österreichischen Republik brachte er die ÖMZ auf den Weg. Der Titel des Geleitworts zum Heft 1/1946 – »Österreichs musikalische Sendung« – signalisierte das Programm. In diesem Artikel wurde Österreich in einem heute befremdlichen Ton als musikalisch führende Nation beschworen, als »große Mittlerin, die täglich neue Brücken (schlägt) und wahre Wunder im Sinne der Völkerverständigung« vollbringe. Lafite hob den (wohl auch für die Angehörigen der Besatzungsmächte faszinierenden) »ungebrochene Geist der großen Wiener Tradition« hervor. Zugleich warnte er vor einer »Erstarrung des Musiklebens in traditionellen Geleisen«. Er forderte, dass die Neue Musik »in der Mitte des Konzertlebens stehen« müsse. Die wiederkehrende Bedeutung der Salzburger Festspiele waren der ÖMZ von der ersten Ausgabe an ebenso ein gewichtiges Anliegen wie eine »planvolle Musikpädagogik«, die eine »musikgesättigte Atmosphäre« schaffen möge.
Lafite kontaktierte von Anfang an aus Österreich vertriebene Komponisten – Arnold Schönberg, Ernst Krenek, Egon Wellesz u. a. und motivierte sie zur Mitarbeit. Sie publizierten zu den verschiedensten Themen, portraitierten sich selbst und berichteten über das Musikleben in den jeweiligen Exilländern. Auch zu Interpreten und Wissenschaftlern (wie dem großen Schubert-Forscher Otto Erich Deutsch) stellte er die Verbindung her. Das unterschied den Kurs der ÖMZ grundsätzlich von den Wegen, welche die Musikpublizistik in den drei westlichen deutschen Besatzungszonen einschlug. So avancierte das Projekt der neuen Zeitschrift in einer von neuen Grenzen bestimmten politischen Landschaft zum »Fenster«, durch das frische musikalische Luft nach Österreich kam (vielleicht hätte hie und da noch mehr gelüftet werden müssen).
Nach dem frühen Tod von Peter Lafite 1951 übernahm dessen Witwe Elisabeth (1918–2007) die Herausgabe der ÖMZ und edierte u. a. (Sonder-)Hefte zur Staatsoper 1955, zum Mozartjahr 1956, zu den Staatspreisträgern für Musik 1957, zur Repräsentanz Österreichs auf der EXPO in Brüssel 1958; sie gehörte u. a. auch zu den InitiatorInnen der Internationalen Arnold Schönberg-Gesellschaft. Die Zeitschrift wahrte die Schaufensterfunktion, auch als sich das Selbstverständnis und die Aufgaben mit den Entwicklungen der neuen Musik und des sich konsolidierenden Musiklebens wandelten. 1959/60 wurde von der ÖMZ dem zuständigen Bundesministerium der Plan für den Aufbau eines Österreichischen Musikinformationszentrums vorgeschlagen. Er führte zur Gründung des mica.
1980 übernahm die Tochter des Gründers, Marion Diederichs-Lafite, das Zepter in der kleinen Firma ÖMZ. Sie entwickelte die Zeitschrift zunehmend zu einem Diskussionsforum, das die internationalen Linien weiter entwickelte, dabei aber aus nahe liegenden Gründen weiterhin auf Österreich als starke Kulturkomponente in Mitteleuropa fokussierte. In einer Zeit, in der selbstverständlich geworden war, dass nichts, was die Musik betrifft, noch länger selbstverständlich ist, zugleich das Musikleben sich internationalisierte, erwies sich die geographisch definierte Begrenzung auf ein Land, das weltweit in hohem Maß mit Musik assoziiert wird, als hervorragendes Alleinstellungsmerkmal.
Auch sorgte Marion Diedrichs-Lafite, Herausgeberin bis 2010, für die verstärkte Berücksichtigung reflektierender (statt dokumentierender und faktifizierender) Musikwissenschaft und holte sich 2001 mit Daniel Ender einen jungen Musikwissenschaftler und Publizisten ins Boot, der sich in hohem Maß der Wahrnehmung, Analyse und Kommentierung der neuen und neuesten Musik widmet. Das knüpft an den Musikblättern des Anbruchs an – allerdings unter völlig veränderten gesamtkulturellen Prämissen.
Zum »Durchstarten« mit einem erweiterten und stark verjüngten Team Ende 2010 gehörte die Kooperation mit dem in Wien, Köln und Weimar ansässigen Böhlau-Verlag. Er betreute bis 2014 die Herstellung und den Vertrieb der im Übrigen selbständig gebliebenen ÖMZ. 2015 wechselte die ÖMZ zum Hollitzer Verlag.