ÖMZ 5: Liszt, Wien und die Moderne

Abstract

ÖMZ 2011/05 Cover»Halb Zigeuner, halb Franziskaner«: Seit er sich selbst so bezeichnete, ist die lange Liste der mehr oder weniger passenden Charakterisierungen, die für Franz Liszt gefunden wurden, nicht mehr abgerissen. So zahlreich die Epitheta sind – Wunderkind, »Hexenmeister am Klavier«, Freigeist, »Zukunftsmusiker«, Salonlöwe, Superstar, kompositorischer Visionär –, so widersprüchlich sind sie bis heute geblieben. Dazu kommen lange Zeit tradierte Ungenauigkeiten wie etwa jene, dass Abbé Liszt, der Träger niederer katholischer Weihen, in vielen Darstellungen gleich zum Priester mutierte, oder Unschärfen in seiner Lebensgeschichte, die auch auf frühe, nicht zuletzt vom Komponisten selbst in die Welt gesetzte Legendenbildungen zurückgehen.

Dass sich währenddessen nicht nur eine vom Kometen angekündigte Geburt, sondern auch all die genannten Aspekte von Liszts Persönlichkeit gut vermarkten lassen, wie es das heurige Jubiläumsjahr vor Augen führt, kann weder über die Widersprüchlichkeit noch über die Unvollständigkeit der kolportierten Liszt-Bilder hinwegtäuschen. Beides setzt sich in manchen der umfangreichen Biographien fort, die zum Anlass des 200. Geburtstags am 22. Oktober dieses Jahres erschienen. Demgegenüber hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Neubewertung Liszts als Komponist vollzogen, die ihn nicht mehr primär als manierierten und mitunter allzu gefühlsströmenden Virtuosen, sondern auch als radikalen Neuerer und Asketen erscheinen lässt – namentlich im Spätwerk. Die Beiträge in diesem Heft befassen sich mit Liszts Wurzeln und Wirkung, die nicht nur in den vielfachen Liszt-Bildern und Zuschreibungen zu suchen sind, sondern auch von einem leidigen Thema begleitet ist und wird: der Vereinnahmung des Künstlers durch Nationalismen. Der »Europäer Liszt« – auch dies ein meist anachronistisch verwendetes Schlagwort – wäre der Vehemenz solcher Auseinandersetzungen wohl verständnislos gegenübergestanden. An den unermüdlich Reisenden erinnerte – einst erste direkte internationale Zugverbindung zwischen »freiem Westen« und »Ostblock« – auch der EC 21 Franz Liszt, der seit 2007 seinerseits bereits Geschichte ist.

Erhältlich ab 26.9.2011.