ÖMZ 1/2014: 1914 - Vor dem Stahlbad

Abstract

ÖMZ 2013/01 CoverLiebe Leserinnen und Leser,

selten war sich Europa so einig wie im August 1914: Eine Mehrheit auch der Künstler wollte das Kräftemessen (beileibe aber nicht alle). Überwiegend schienen die drastischen Erfahrungen gründlich vergessen, die sich einst mit den epochalen Verwüstungen der (anti-)napoleonischen Feldzüge eingestellt hatten: dass Krieg grauenhaft ist – für die meisten der von ihm Erfassten. Auch hinter den Fronten sind die Opfer erheblich, kulturelle Flurschäden gewaltig. Der Erste Weltkrieg und seine unmittelbaren Konsequenzen haben den Kontinent – wir mussten uns auf die europäischen Aspekte beschränken – in einer Weise verändert, wie dies zum Zeitpunkt des Attentats von Sarajewo noch undenkbar war. Der einleitende Text von Christian Thomas schlägt den Bogen von 1813, als folgenreich ein „Heiliger Krieg“ beschworen wurde, zum Jahr 1914: Die „Verklärung des Kriegs als Offenbarung […] ist ohne die hechelnden Verrücktheiten und pompösen Rasereien von 1813 nur unvollständig zu begreifen“.

Die Funktionen und Wirkungen von Musik im Vorfeld der Schlachten, in der Phase der Mobilisierung, bei Kampfhandlungen und im jeweiligen Hinterland sind alles andere als marginal oder unschuldig. Richard Specht formulierte in „Gegenwart und Zukunft der Oper“ (Wien 1913) keineswegs nur eine individuelle Wunschvorstellung für eine „neue Oper“, als er die „reinigende Wirkung“ und die „Stärkung“ nach „Schwächung“ durch einen großen Krieg als große Zukunftsoption in Betracht zog. Sigfried Schibli beobachtet analoge Auffassungen bei russischen Komponisten. Andererseits: „Die Idee, dass Gustav Mahler in seinem Werk Vorahnungen künftiger Katastrophen zu Papier und zu Gehör brachte, taucht bereits um 1905 auf“, diagnostiziert Stefan Hanheide, der zusammen mit Fachkollegen unter dem Titel Musik bezieht Stellung die bislang facettenreichste Publikation der deutschen Musikforschung zur gegenwartsbezogenen Musik der Jahre 1914–18 auf den Weg brachte. Auf Österreich bezogen argumentieren Stefan Schmidl und Susana Zapke – sie gehen der Frage nach, warum „sich die intellektuelle Elite der Wiener Moderne nicht gegen, sondern für den Krieg“ aussprach. Peter P. Pachls Erinnerung an Erich J. Wolff (1895–1913) erscheint wiederum aufschlussreich in Bezug auf die „Vorahnung“ des großen Gemetzels. Der Gastkommentar von Oberst Bernhard Heher erläutert Geschichtskontinuität und -wandel der österreichischen Militärmusikmusik.

Es verstand sich von selbst, dass sich der Thementeil dieses Heftes nicht auf deutsch-österreichische Ansichten und Klanglandschaften beschränken konnte, sondern auch die Kulturen von (nachmaligen) Kriegsgegnern einzubeziehen hatte. Johannes Streicher erhellt das Wechselspiel der musikalischen Kräfte nördlich und südlich der Alpen um 1914, eine Dokumentation wirft den Blick auf neuere französische und englischsprachige Literatur. Auch in Bezug auf unsere Gegenwart geht es um die Frage, wie ahnungslos oder erwartungsvoll die Musiker waren (oder sein wollten), als sich das Säbelrasseln und die Klopfsignale mehrten.