ÖMZ 1/2016: Tonkunst-Polemiken

Abstract

ÖMZ 2016/01 CoverLiebe Leserinnen und Leser,

unruhig beginnt das Jahr 2016. Nicht wenige sehen angesichts der Situation in verschiedenen Ländern Europas und der gesellschaftlichen Verwerfungen mit einiger Sorge in die Zukunft. Doch die Beunruhigungen wirken sich bislang im Konzert- und Opernbetrieb nur am Rande aus – in gelegentlichen feuilletonistischen Anmerkungen, Schweigeminuten und Unterstützungsaufrufen für Flüchtlinge. Vorm Hintergrund des Klimawandels wird hie und da an 1816 erinnert – das »Jahr ohne Sommer«. 1815 hatten mehrere Ausbrüche des Vulkans Tambora auf der Insel Sumbawa siebzigtausend Tote gefordert, in Indonesien zu Ernteausfällen und einer großen Hungersnot geführt. Der Ascheregen erreichte nach einigen Monaten auch die nördliche Hemisphäre, verwüstete dort durch Frost und Eisstürme von April bis September viele Anbauflächen. Dies führte zu einem verheerenden Tiersterben und zur größten Lebensmittelknappheit der Neuzeit. Der Klimagipfel Anfang Dezember in Paris rief neuerlich in Erinnerung, dass derzeit weniger Nöte durch plötzliche Erkältung auf Teilen des Globus drohen als durch weiteren Anstieg der Erderwärmung. Aber auch das berührt den Musik(theater)betrieb nur peripher: Business as usual. Allerdings mit manchen Novitäten. Über sie informiert der Berichte-Teil dieses Heftes. Der Rückblick, den wir zu Beginn des vorigen Jahres auf 1815 und die Musik im Umfeld des Wiener Kongresses richteten, 2014 auf die Musik im Kontext des ersten Weltkriegs, rekurriert heuer auf 1716 (die CD-Rezensionen in diesem Heft konzentrieren sich auf das Umfeld). In dieses Jahr fallen die denkwürdigen Siege der Truppen von Kaiser Karl VI. gegen die osmanische Armee bei Peterwardein und Temesvár – sie sicherten nicht nur Hunderttausenden im Hinterland das Überleben, sondern auch der »abendländischen Kultur«. Dies bildet den Ausgangspunkt für einige virulente Fragen zur »alten« oder auch »Barockmusik« und ihrer derzeitigen Pflege. Die Neue Musik und einige ihrer Protagonisten erhalten auch im ÖMZ-Jahrgang 2016 besonderes Augenmerk. Während der Endredaktion erreichte uns die Nachricht vom Tod des Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez, der ohne branchenübliche Übertreibung als »Jahrhundertgestalt « gewürdigt wird, als Mensch »von so unvergleichlich luzider Intellektualität und Eleganz, so unmittelbarer Liebenswürdigkeit und Offenheit« (Markus Hinterhäuser). Und, nicht zu vergessen: als polemisches Talent der Extraklasse. Der Thementeil widmet sich weiters in großem Bogen der belebenden Wirkung von Kontroversen und Richtungskämpfen in achthundert Jahren Musikgeschichte – beginnend mit Silke Leopolds Ouverture zu den Auffassungsunterschieden und starken Wörtlein von der Ars antiqua bis zum Buffonistenstreit im zur Neige gehenden 18. Jahrhundert. Johannes Kreidler schrieb das Finale furioso des Septetts der Tonkunst-Polemiken – ganz auf heute bezogen. Wilhelm Buschs kleine Bildergeschichte Die feindlichen Nachbarn oder Die Folgen der Musik setzt die Pausenzeichen. Kampf und Krieg erweisen sich, wie bekanntlich schon Heraklit wusste, als ziemlich beste Väter und Könige auch der musikalischen Dinge, die vorwärts streben. › Das Team der ÖMZ