ÖMZ 4: Hanns Eisler - Zuckerbrot und Peitsche

Abstract

ÖMZ 2012/04 Cover50 Jahre nach dem Tod von Hanns Eisler (1898–1962) ist es still geworden um sein höchst heterogenes Werk. In den 1920er Jahren debütierte der Schönberg-Schüler mit Klaviersonaten, setzte Musik zu ungemütlichen Heine-Texten und aktuellen Zeitungsausschnitten, engagierte sich – wie die älteren Geschwister Ruth und Gerhart – entschieden links. Er komponierte für revolutionäre Filme und wurde durch etliche Radau- bzw. Kampflieder bekannt.
Zwei Jahrzehnte lang war er Bertolt Brechts engster Mitstreiter. In dieser Zeit entwickelte der österreichische Komponist eine Komponente der Wiener Schule weiter mit mehreren Kantaten, dem Klavierquintett Vierzehn Arten den Regen zu beschreiben und der Deutschen Sinfonie als repräsentativem antifaschistischem Großprojekt. Die Zwölftontechnik von Arnold Schönberg wurde allerdings in den Händen des Schülers mehrfach umgedeutet: Eisler verwendete Zwölftonreihen als eine Möglichkeit neben anderen – und hob ab auf ihr konsonantes Potenzial. Dies hinderte ihn freilich nicht daran, jene Dissonanzen, die er in Politik und Gesellschaft sah, deutlich hervorzukehren.
Im Advent 1930 veröffentlichte Theobald Tiger in der Weltbühne das Gedicht Zuckerbrot und Peitsche über ein neues Biedermeier, das die Weltflucht in der Kultur als Konsumgut suchte: »Sie wollen sich mit Kunst betäuben, sie wollen nur noch Märchen sehn.« Drei Jahrzehnte später nahm Hanns Eisler sein Klavierlied zu diesem Text in eine Sammlung von Tucholsky-Vertonungen auf. Das war auch als Kommentar zu den Zuständen in jenem Staat zu interpretieren, in dem er als Komponist der DDR-Hymne sein Leben beschloss.
Der Themenschwerpunkt dieses Heftes nimmt den 50. Todestag Eislers zum Anlass, das Augenmerk auf die Jahre rund um den 2. Weltkrieg und den beginnenden Kalten Krieg zu richten. Frieder Reininghaus stellt den politischen Künstler in den Mittelpunkt; Peter Deeg unternimmt eine umfassende Charakterisierung und verweist manches, was über Eisler kursiert – auch aufgrund von Aussagen von diesem selbst – ins Reich der Legende. Christian Glanz konzentriert sich auf die kurze Phase um 1949/50, in der Eisler Arbeiten lieferte, die von westlichen Positionen aus als »systemkonform« attackiert wurden und tatsächlich ein hohes Maß an Übereinstimmung mit den kulturpolitischen Vorgaben der DDR-Führung aufweisen.
Im Gegenzug befasst sich Michael Custodis mit der Kontinuität von Expertennetzwerken vor 1945 im NS-Staat und danach in den westlichen Besatzungszonen. Und Ulrich Blomann untersucht in einem kontroversiellen Beitrag, wie in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Reihen der durch ihre vormaligen Tätigkeiten »Kontaminierten« wieder fest geschlossen wurden –auch mit Hilfe der Gerichte, v. a. aber von generationsübergreifenden Seilschaften.
In der Musik Hanns Eisler steckt unserer Meinung nach noch immer einiges an Sprengkraft. Wir freuen uns, wenn Sie Ihre Eindrücke dazu – und wie immer auch zu unserem Heft – mit uns teilen.

Erhältlich ab 6. Juli 2011.