ÖMZ 3: Neue Musik wird historisch

Abstract

ÖMZ 2012/03 Cover

»Das Neue, dieser Satz steht fest, wird stets zum Alten, wenn man’s lässt«. Diese Variante eines der großen geflügelten Worte aus Wilhelm Buschs Frommer Helene gilt im Besonderen auch für Musik: Ihre Produktivkräfte und Produktionsbedingungen schreiten, trotz gelegentlicher Rückschläge und vorsätzlicher Rückgriffe, unaufhaltsam und unerbittlich fort. Im Lichte des heute Neuen sieht das von gestern bereits nicht mehr frisch aus – und das von vorgestern alt.
Dass sie die Befähigung zu Renaissancen besitze, wurde von Jacob Burckhardt um 1860 als Wesensmerkmal der europäischen Kultur hervorgehoben. Seit dem 19. Jahrhundert traten die Vorzüge des kollektiven Erinnerungsvermögens und des Bewusstseins historischer Relativität ebenso drastisch hervor wie Folgeerscheinungen und Nebenwirkungen. Seit Historismus als Denkform und Praxis Verbreitung fand, gehört zu den unabweisbaren Erkenntnissen der Künstler und Intellektuellen, dass ihre Hervorbringungen sich nicht nur in der Konkurrenz gegenüber dem jeweils Zeitgenössischen durchsetzen müssen, sondern auch gegenüber dem wieder erschlossenen Historischen sowie gegenüber dem, was (zunächst unmerklich) in deren Zonen einrückt. Deutlich wird dieses Problem, wenn subjektiv noch als relativ jung im Gedächtnis gespeicherte Tonaufzeichnungen in Rundfunksendungen als »historische Aufnahmen« präsentiert werden, weil sie die Altersgrenze von 30 Jahren überschritten haben. Historisch geworden ist inzwischen also das meiste dessen, was seit dem frühen 20. Jahrhundert als »Neue Musik« konzipiert, unter diesem Etikett erst angefeindet und »durchgekämpft«, brutal unterdrückt, danach aber intensiv gefördert wurde. Das Altern der »Neuen Musik« ist offensichtlich – auch wenn sie manchen Akteuren der vorzugsweise auf Jung trimmenden Szene nicht in den Kram passt.
Mit dem Altern von Werken und Methoden befassen sich Gerhard R. Koch, Reinhard Oehlschlägel und Wolfgang Schreiber, alle drei jahrzehntelang an einflussreichen Stellen als Redakteure für (neue) Musik zuständig. Zugleich benennen sie Faktoren der Witterungsbeständigkeit und fortdauernder »Frische«. Rainer Nonnenmann unternimmt unter dem Stichwort »Implosion des Fortschritts« zuvor eine wissenschaftlich grundierte tour d’horizont. Während Susanne Kogler einigen österreichischen Besonderheiten nachgeht, fordert Frank Schneider einen gebührenden Platz für die (zwangsläufig in die Gefilde des Historischen eingerückte) »Neue Musik« der DDR. Er schreibt ihr postum in bemerkenswerter Geschichtsprojektion eine erstaunliche Kraft zu: Sie habe »zum Verschwinden eines Staats beizutragen« gehabt, »der die klanglichen Innovationen bestenfalls argwöhnisch verspottete«. Aber wer zu spät kommt, den verschweigt die Geschichte.

Erhältlich ab 20.6.2013.