ÖMZ 4:Welt.Musik.Tage

Abstract

ÖMZ 2013/4 CoverLiebe Leserinnen und Leser ,
als im Sommer 1922 auf Initiative des Kreises rund um Arnold Schönberg im Salzburger Café Bazar und unter dem Präsidium von Richard Strauss die Internationale Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) gegründet wurde, wäre niemandem in den Sinn gekommen, am politischen und kulturellen Führungsanspruch Europas zu zweifeln. Bei allen Meinungsverschiedenheiten zwischen Schönberg und Strauss in ästhetischer Hinsicht hätten sich die beiden auch jederzeit darauf einigen können, an der »Vorherrschaft deutscher Musik« festzuhalten, während die Wiener Schule sich ihrerseits als alleinige Fortschrittspartei verstand. Dennoch wurde der Schulterschluss mit Vertretern anderer Richtungen wie Béla Bartók, Paul Hindemith, Igor Strawinski oder Ottorino Respighi gesucht, um die Aufführungsmöglichkeiten zeitgenössischer Musik zu vermehren. Bereits die Gründungsidee stellte Solidarität und Toleranz über künstlerische Grabenkämpfe, wiewohl sich die Mitglieder der Gesellschaft in den verschiedensten Konstellationen als Konfliktparteien wiederfinden sollten.

Nahezu ein Jahrhundert danach ist die einstige Fortschrittsgewissheit einer beträchtlichen Verunsicherung gewichen. In Zeiten der Globalisierung verschwimmen kulturelle Unterschiede, beginnen sich vormals klar definierte Identitäten aufzulösen. An die Stelle europäischer Hegemoniebestrebungen ist ein Kulturrelativismus getreten, der umfassenden ästhetischen Kriterien den Boden zu entziehen scheint. Dies allerdings befreit nicht von der Diskussion um ästhetische Kriterien an sich, möchte man sich weiterhin im Kunstsystem bewegen. Und diese Diskussion scheint im Rahmen der Weltmusiktage der IGNM, die seit 1922 an jährlich wechselnden Austragungsorten stattfinden, zu fehlen – mit dem Ergebnis, dass oft der Eindruck ästhetischer Beliebigkeit und fehlender Qualitätsstandards entsteht. Die österreichische Sektion der IGNM, die zusammen mit der slowakischen die heurige Ausgabe der Weltmusiktage im November in Wien und Bratislava betreut, möchte diese Themen nicht unter den Teppich kehren, sondern gezielt ansprechen. Deshalb stellt sie bei einem international besetzten Symposion die Frage, ob sich bei aller internationalen Vielfalt zeitgenössischer Musikproduktion Kriterien finden lassen, die dennoch eine gewisse Verbindlichkeit beanspruchen können. Das Problem, das die Autoren dieser ÖMZ-Ausgabe – teils zugleich Diskutanten in Wien – aus notwendigerweise subjektiven Blickwinkeln und mit verschiedensten kulturellen Hintergründen erörtern, betrifft bei weitem nicht nur neue Musik. Wie vor allem die Essays von Sandeep Bhagwati und Kyle Gann eindrucksvoll und ungeschönt zeigen, hat die soziale und geopolitische Lage unmittelbare Auswirkungen auf künstlerische Arbeitsbedingungen. Umgekehrt verraten die Erfahrungen von Musikschaffenden viel über die Gräben und Klüfte, die unsere angeblich so globalisierte Welt mehr denn je prägen und die es endlich zu überwinden gälte. Die ÖMZ nimmt gerne an dieser Diskussion teil – greifen wir sie gemeinsam auf!

Das Team der ÖMZ