ÖMZ 5: Klangräume für alle. 100 Jahre Wiener Konzerthaus

Abstract

ÖMZ 5/2013 Cover»Eine Stätte zu sein für die Pflege edler Musik, ein Sammelpunkt künstlerischer Bestrebungen, ein Haus für die Musik und ein Haus für Wien.« So wurde 1913 die Bestimmung des Wiener Konzerthauses anlässlich seiner Eröffnung am 19. Oktober umrissen. Wenn man den salbungsvollen Tonfall ausblendet, definieren diese Sätze ein erstaunlich kontinuierliches Selbstverständnis des Hauses, das bei aller Dynamik der historischen Veränderungen eines Jahrhunderts auch heute noch passt. Mehr als jede andere musikalische Institution der Stadt versteht sich das Konzerthaus als Podium für eine pluralistische Musikkultur, wo es Tradition ist, unorthodoxe Strömungen vom Jazz bis zur »Weltmusik« ebenso wie zeitgenössische Musik aller Spielarten unter einem Dach mit dem klassischen Kernrepertoire zu vereinen und dieses damit immer neu zu beleben. Auch wenn »das Konzerthaus zusammen mit dem Musikverein und der Wiener Staatsoper jene Trias bildet, die an vorderster Stelle für den Ruf Wiens als Musikstadt steht« (wie es das Österreichische Musiklexikon ein wenig pathetisch formuliert), so gehört es zu seinem Ruf in besonderer Weise, in alle Richtungen offen, aber nicht beliebig zu sein. Nachdem die Konzerthausgesellschaft als gemeinnütziger Verein agiert, war sie seit jeher und nicht nur in wirtschaftlich schwierigen Zeiten auf Vermietungen angewiesen. Folglich hat hier von der politischen Versammlung über Fecht- und Boxmeisterschaften bis zur Weinmesse schon so ziemlich alles stattgefunden, was die drei historischen Säle und die Foyers des originellen Baus der Theaterarchitekten Ferdinand Fellner und Hermann Gottlieb Helmer füllen kann. Rund 4.000 Personen können hier kommen und gehen, ohne einander im Weg zu stehen. Von vornherein hatte man auch auf Orte der Begegnung Wert gelegt und neben dem Buffet, auch ein Kaffeehaus sowie drei Restaurants eingerichtet. Womöglich ist die ausgeprägte Identifizierung verschiedenster Publikumsgruppen von Pop- und Rockfans über Liebhaber Alter Musik bis zum Stammpublikum von Wien Modern auch auf das Gepräge des Hauses und seine Freiräume zurückzuführen. Damit diese auch in inhaltlicher Hinsicht erhalten bleiben können, wäre wieder einmal die Politik gefragt, die ihren Beitrag seit inzwischen 16 Jahren nicht mehr angepasst hat. Die in den vergangenen Jahren einsetzende Kommerzialisierung des Programms dürfte unter anderem auch damit zu tun haben – und nicht nur mit der drückenden Schuldenlast, die dem Haus im Zuge der 2001 abgeschlossenen Generalsanierung ebenso wie der wandlungsfähige Neue Saal (heute: Berio-Saal) beschert wurde. Auf den neuen Intendanten Matthias Naske, der seit 1. Juli dieses Jahres im Amt ist und dem wir herzlich für seine Unterstützung beim Zustandekommen dieses Heftes danken, kommen somit in mehrfacher Hinsicht große Aufgaben zu.