ÖMZ 2/2015: Wie (a-)sozial ist die Musik?

Abstract

ÖMZ 2/2015 CoverLiebe Leserinnen und Leser,
als Thomas Hampson unlängst die Festrede zur Verleihung des Karajan-Preises an die Wiener
Philharmoniker hielt, führte er wie selbstverständlich den sozialen Charakter der »klassischen
Musik« ins Feld. Insbesondere das, was etwa Komponisten »zu sagen haben«, seien »Beiträge zu einer besseren, vernünftigeren, menschlicheren Welt«. Obwohl Musik »längst als Teil der schnelllebigen Unterhaltungsindustrie aufgefasst« würde, rät der Bariton, »die Kunst als Labor des menschlichen Daseins […] zu erklären«. Er hält sie für pädagogisch wertvoll und sieht sie als »Voraussetzung für erfülltes Menschsein«. »Ja«, sagte er, »ich bin davon überzeugt, dass Platon
recht hatte, als er eine unauflösbare Verbindung zwischen dem Guten und Schönen postulierte.«
Vor sechzig Jahren hielt der Regisseur Max Ophüls einen Vortrag bei einer deutschen Industrie- und Handelskammer und erinnerte sich dabei an die Zeit, als er lesen lernte. Sein Großvater Oppenheimer, Kaufmann durch und durch, habe ihn eines Abends gefragt, was er denn den Tag
über gelesen habe – und er erzählte stolz, dass er mit der Straßenbahn an einem großen Haus vorbeigekommen wäre, an dem stünde: »Der schönen guten Ware«. Der Wahrheitsgehalt dieses kleinen Lesefehlers sowie die Kollisionen des wahren Charakters und des Warencharakters von Musik durchziehen wie ein Cantus firmus den Thementeil dieses Heftes.
Die Fragen nach dem Sozialcharakter der Musik sind vielschichtig – die real existierenden, erlernbaren und verfügbaren, hörbaren und unüberhörbaren, teilweise noch sicht- und lesbaren, mitunter sogar mit Gerüchen verbundenen Musiken zeigen sehr verschiedene Charakterzüge. Die AutorInnen dieses Heftes stimmen in der Eingangsfeststellung von Sarah Chaker überein: »Musik ist ein grundsätzlich soziales Phänomen.« Unterhalb der Ebene des Grundsätzlichen beginnen die Differenzen.
Einige umstrittene Zonen des Musiklebens wurden fürs Erste ausgeklammert – das (»Volks«-) Lied beispielsweise und seine heutigen Funktionen im Seelenhaushalt des segmentierten Volks. Oder die Fragen von Musik als Teppich und Tapete des Alltags. Auch die Option, überall und »endlos« Musik hören zu können, ist einem späteren ÖMZ-Heft vorbehalten.
MusikerInnen in Mitteleuropa verhalten sich per se nicht sozialer oder asozialer als Angehörige anderer künstlerischer Berufe. Sie beweisen in Teams und Kollektiven (und bereits während der Ausbildung) bei allem strukturell vorgegebenen Konkurrenzverhalten bemerkenswerten Korpsgeist und oft auch Solidarität. Ist bei ihnen eine besondere Affinität zur Wohltätigkeit oder Bosheit zu diagnostizieren? Fest steht: Durch Musik wird weder der Mensch noch die Welt besser. Letztere aber immerhin lebenswerter. Selbst maliziöse Tonkünste können niemanden »verderben « (an diesem Punkt haben sich ältere philosophische Auffassungen als ordnungspolitisch gut gemeinte Irrtümer erwiesen). Ist die ökonomische Situation der Musikschaffenden härter oder günstiger als die in vergleichbaren Berufsfeldern? Es erscheint nicht müßig, dies immer wieder unter die Lupe zu nehmen. › Das Team der ÖMZ