ÖMZ 3: Im Clavierland - Österreich und seine Pianisten

Abstract

ÖMZ 3/2014 Cover

Klavierspiel hat, wie insgesamt in weiten Teilen der nordwestlichen Hemisphäre, Asiens, Nord- und Südamerikas, auch in Österreich Tradition. Die Idee einer »Wiener Schule« hinsichtlich dieses Instruments mit einem spezifischen Klang geistert nach wie vor durch die kollektiven Selbstvergewisserungen des »Musiklandes«. Doch keineswegs gesichert erscheint, dass es noch eine lebendige Weitergabe dieses Besonderen gibt und nicht Tradition, wie Gustav Mahler einst meinte, auch hier eher in der »Anbetung der Asche« als in der »Weitergabe des Feuers« besteht. Natürlich verlassen Jahr für Jahr hochgezüchtete Zöglinge die Ausbildungsstätten. Ein verhältnismäßig breites Musikschulwesen nach wie vor für eine ansehnliche Basis. Aber dass die Globalisierung längst auch den Klassikmarkt bestimmt, macht sich auch in einer weitgehenden Auflösung von Schulen und Stilen bemerkbar. Dadurch wird die Suche nach Identität in allen Bereichen zu einer Herkules-Aufgabe. Davon könnte wohl auch Michael Haneke ein Lied singen, der 2001 mit seiner Verfilmung der Klavierspielerin von Elfriede Jelinek die intime Schilderung psychischer Verletztheit mit Klaviermusik von Franz Schubert verbunden hat. Uns hat der sensible Oscar-Preisträger in einem Gespräch unter anderem darüber Auskunft gegeben, was ihm am Klang der meisten Klavieraufnahmen stört. Haneke verschwieg allerdings, ob er etwa auch die Platten von Altmeister Alfred Brendel in diese Kritik einbezieht, da er sich über lebende Künstler nicht äußern möchte. Das tut jedoch in diesem Heft Armin Thurnher, neben all seinen anderen Aufgaben auch Autor des Romans Der Übergänger, in dem Brendel die Hauptrolle spielt und Thomas Bernhard (Der Untergeher) wie ein schattenhafter Begleiter über den Wassern schwebt. Für uns hat der Falter-Chef nochmals eine Annäherung an den prominentesten Vertreter des Klaviers im späten 20. Jahrhundert mit altösterreichischen Wurzeln unternommen. Dass Pianisten und Klaviermusik in der Literatur zum Inventar gehören, bildet sich in unserem Heft ebenso ab wie der Umstand, dass auch Musiker Nachbarn haben, die sich mitunter gestört fühlen – besonders wenn diese zufällig ebenso vom Fach sind wie Johannes Brahms oder Kompagnon Eduard Hanslick. Vielstimmig ist diese Ausgabe der ÖMZ durchsetzt von schwärmerischen Äußerungen, kritischen Kommentaren und Gedichten zum Klavier, die bewusst den Tellerrand der Alpenrepublik ebenso verlassen, wie sie die 88 Tasten des Instruments durch Konsonanzen und Dissonanzen zum Klingen bringen. Womöglich sagt der Film Schubert und ich des ehemaligen Pianisten des Klangforum Wien, Marino Formenti, in dem es vor allem um den Liedgesang geht und der Ende Mai in den Kinos anlief, ebenso viel aus über heutiges Klavierspielen in Österreich als die nach wie vor zahlreichen Recitals seiner Kolleginnen und Kollegen.