ÖMZ 3: Die Dirigentin - Geschlechterkampf im Orchestergraben?

Abstract

ÖMZ 3/2015 CoverLiebe Leserinnen und Leser,

in periodischen Abständen besinnt sich die Musikpublizistik auf Mozarts Frauen, Beethoven und die Frauen oder die Frauen um Felix Mendelssohn Bartholdy – um nur einige Buchveröffentlichungen der letzten Jahre zu nennen. Bringen AutorInnen (beiderlei Geschlechts) im musikalischen Kontext »Frauen« ins Spiel, kann leicht der Eindruck entstehen, es sei von exotischen Wesen die Rede. Quer durch die Musikgeschichte erscheinen sie als Komparsinnen, Musen, erotische Objekte – und in Ausnahmefällen auch als Subjekte. Im real existierenden Musikleben ist der weibliche Anspruch auf Repräsentation, auf »Quote«, dagegen in weiten Bereichen erfüllt: Von notorischen Männerbünden wie den Wiener Philharmonikern einmal abgesehen, sind in vielen Berufsorchestern mittlerweile mehr Frauen als Männer vertreten. Anders in den Zonen der leitenden Funktionen und Tätigkeiten. Kommt, so Anke Steinbeck in dem Buch Jenseits vom Mythos Maestro, »das exponierte Thema ›Führung‹« ins Spiel, so erscheint die Verteilung und die Wahrnehmung der Geschlechter weiterhin asymmetrisch. Beispielhaft lässt sich dies an der Figur des Dirigenten aufzeigen, über dessen Tätigkeit Elias Canetti 1960 schrieb: »Es gibt keinen anschaulicheren Ausdruck der Macht« – einer Macht, die nicht nur Theodor W. Adorno auf militärische Ursprünge zurückführte. Auch heute noch werden Dirigenten überwiegend mit männlich konnotierten Adjektiven wie »autoritär, charismatisch, überlegen, sicher, mächtig, …« beschrieben, wie Annkatrin Babbe in ihrem Beitrag zur aktuellen beruflichen Situation von Dirigentinnen schreibt (S. 11). Auch wenn mehr und mehr Frauen der »gläsernen Decke« trotzen, kämpfen die wenigen Dirigentinnen an der Spitze nach wie vor mit Vorurteilen. Auf der anderen Seite des Spektrums geschlechtlicher Stereotype erscheint eine Figur wie die Diva mit ihrer Aura von Sinnlichkeit, Extravaganz und lasziver Erotik als Verkörperung »weiblicher« Eigenschaften par excellence. Diese Zuschreibungen stehen emblematisch für das Rollendenken, das in manchen Teilen des Musikbetriebs ein längeres Haltbarkeitsdatum aufweist als in weniger geschützten Sphären. Immerhin lassen die Äußerungen von Dirigentinnen in diesem Heft vermuten, dass das Kämpferische vielfach in den Hintergrund getreten ist und einem neuen Pragmatismus Platz gemacht hat – ein Indiz dafür, dass die Kategorie ›Geschlecht‹ auch in den exponierteren Bereiche des Musikbetriebes langsam, aber sicher an Bedeutung verliert. Doch es geht um mehr als eine gerechte Verteilung des Kuchens, die sich in Zahlen und Quoten fassen ließe. ›Performance‹ beginnt in der Musik nicht erst mit dem Heben des Taktstocks oder dem Erklingen des ersten Tones – sie umfasst auch die Rolle, die DirigentInnen und Diven beiderlei Geschlechts über die Aufführung hinaus spielen (müssen?). Weiter gehend als bei bisherigen Heften verlässt der Thementeil dieses Hefts die distanziert diagnostizierende Position und positioniert sich in einem umstrittenen Terrain überwiegend in eindeutiger und daher anfechtbarer Weise. Wir hoffen, dass die Pointierung die Diskussionen befördert.