ÖMZ 4: Ungarische Musik - heute

Abstract

ÖMZ 4/2014 CoverLiebe Leserinnen und Leser ,
Nachrichten aus Österreichs östlichem Nachbarland sorgen in Europa derzeit für Reaktionen, die zwischen besorgtem Unverständnis und moderater Empörung schwanken. Ein nur knapp abgewendeter Staatsbankrott und ein Ministerpräsident, der in seiner zweiten Legislaturperiode und mit Verfassungsmehrheit den autoritären Umbau des Staates vorantreibt, rufen Erinnerungen an längst überwunden geglaubte Zeiten wach. Mit der neuen Betonung des Nationalen wird ein gesellschaftliches Klima geschaffen, das die Hetze gegen Minderheiten begünstigt.

Kulturschaffende sind in dieser Situation mit besonderen Schwierigkeiten konfrontiert: Die ohnedies prekäre finanzielle Lage wird in Verbindung mit latenten Zensurbestrebungen zur existentiellen Bedrohung, die offene Kritik an der politischen Situation nahezu verunmöglicht. Dennoch waren Musiker wie András Schiff und Ádám Fischer unter den Ersten, die auf die bedenklichen Tendenzen in ihrer Heimat aufmerksam machten. Während Letzterer über die Notwendigkeit einer kritischen Haltung Auskunft gibt, thematisiert sein Dirigentenkollege Zoltán Kocsis die alltäglichen Herausforderungen und Hürden des ungarischen Klassik-Betriebs. Gehen oder bleiben? Dieser Zwiespalt, den der Schriftsteller György Dalos am Beispiel von Franz Liszt und Ferenc Erkel als konstitutiv für die Situation der ungarischen Musiker umreißt, pflanzt sich fort. Dass mit Bartók und Ligeti zwei der größten ungarischen Komponisten aus dem Gebiet des heutigen Rumänien stammen, zeigt, dass ein nationalistisch verengter Blick angesichts geographischer und ethnischer Uneindeutigkeiten schnell an seine Grenzen stößt. Dies veranschaulicht auch die Beschäftigung mit ethnischen Musiktraditionen, die unter wechselndem Vorzeichen – mal chauvinistisch, mal widerständig – eine Konstante in der musikalischen Identitätskonstruktion des Landes bildet. Dass sich »Volksmusik« der nationalen Reduktion verweigert, macht Barbara Rose Lange anhand der unentwirrbaren Verflechtungen deutlich, die zwischen magyarischer Volksmusik und jener der Roma-Minderheit bestehen.

Neben bekannten Repräsentanten wie György Kurtág oder Péter Eötvös ist heute in Ungarn ein breitgefächertes Musikschaffen anzutreffen, das seine Eigenständigkeit gegenüber internationalen Trends behauptet und sich einem Zustand post-ideologischer Vielfalt annähert. Staunend nehmen wir einen Bauboom zur Kenntnis, der das Land in Zeiten wirtschaftlicher Turbulenzen mit neu errichteten oder renovierten Konzerthäusern beschenkt. Schließlich hören wir – abseits der Hochkultur und von der Kulturpolitik links liegen gelassen – Musik aus blühenden Nischen. Deren BewohnerInnen überschreiten unbeirrt Genres wie Sparten und retten den Geist der Avantgarde auf den Tanzflächen der Clubs ins 21. Jahrhundert. Wir laden Sie ein, unserem Erkundungsgang zu folgen.

Das Team der ÖMZ