ÖMZ 5: Zusammengewachsen? Europäische Musikkultur 25 Jahre nach der "Wende"

Abstract

ÖMZ 5/2014 CoverAnfang der 80er Jahre, kurz vor Ende der Regierungszeit von Helmut Schmidt, vertauschten Mitglieder einer Spaßguerilla im Hochsommer die für die italienischen Urlaubsorte bestimmten Kontingente der Bildzeitung mit einem täuschend ähnlich aussehenden Produkt. In Balken-Überschriften berichtete es von Geheimgesprächen des Partei- und Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker, mit dem westdeutschen Bundeskanzler und der unmittelbar bevorstehenden Wiedervereinigung. Die Falschmeldung löste kilometerlange Rückreisestaus am Brenner aus. Sie rührte an ein Tabu: Längst hatten sich alle politischen Kräfte in Europa mit dem Status quo arrangiert und betrieben auf dieser Grundlage ihr Geschäft – in vorbildlicher Weise Österreich als »Drehscheibe« für leuchtende Ideen und Lichtgestalten unterschiedlicher Provenienz. Der Gedanke, der »Eiserne Vorhang« könne fallen, kam Monika Mustermann so tollkühn vor wie der, dass Jesus Christus im Vatikan auftaucht.

Der Religionsgründer hat bislang seine Schafe und Hirten nicht mit seinem neuerlichen Erscheinen behelligt. Aber die politische Wirklichkeit die Europäer – mit dem Wunsch der Völker des »Ostens«, die sowjetische Hegemonie und deren Vasallen-Regimes loszuwerden. Vor einem Vierteljahrhundert brach sich ein von mancherlei Hoffnungen begleiteter Prozess Bahn, der weithin unwiderruflich erscheint (auch wenn derzeit versucht wird, im Südosten des Kontinents die Schraube gewaltsam zurückzudrehen). Ziemlich plötzlich atmete man etwas freier. Zumindest vorübergehend. Das kam auch der Musik und dem Musikleben zugute.

Österreich war in den drei Jahrzehnten vor 1989 in besonderer Weise von der Spaltung Europas betroffen. Keinem anderen Land wurden so große Anteile seiner Grenzen (drei von sieben) vom »Eisernen Vorhang« verstellt. Dieser ließ im Prinzip leichter Musik durch als Menschen – aber eben gefiltert. Was hat sich seit 1990, als die Zu- wie die Abflüsse weitgehend ungehindert zu funktionieren begannen, geändert? Um diese Frage kreisen die Statements von »Betroffenen« und Zaungästen wie die Themenbeiträge dieses Hefts, angefangenen von der scharfsichtigen Analyse des russischen Komponisten Sergej Newski bis zu Marc Ernestis britischem Blick auf kontinentale musikalische Veränderungen oder der polnischen Sicht von Anna Piotrowska. Dass sich Schleusen und neue Optionen auftaten, erscheint der Mehrzahl der AutorInnen mehr oder minder als »Glück«. Aber es kommen hier auch die zu Wort, die über schwere Reibungsverluste im Einigungsprozess klagen. Der notorisch nostalgisch gestimmte Ex-DDR-Schriftsteller Volker Braun hat den Wende-Verlierern unlängst aufs Neue alte Stichworte souffliert: »von der straße der demokratie auf die pisten des konsums« (Werktage 2. Arbeitsbuch 1990 bis 2008, Berlin 2014). Wir laden Sie ein, in die Kontroversen und »Aufarbeitungen« einzusteigen.