ÖMZ 5: Die Sieben Todsünden

Abstract

ÖMZ 5/2013 CoverDie Angst vor einem göttlichen Sündenregister, das all unsere Fehltaten und Verirrungen auflistet, hat der moderne Mensch – zumal in der westlichen Welt – längst abgelegt. Ironischerweise gibt es aber längst eine andere Instanz, die unser Tun kaum gnädiger überwacht und dokumentiert und darum vielen ein diffuses Unbehagen bereitet: das Internet. Während wir uns also permanent fragen, wer eigentlich welche Informationen über uns hat und wie sie zu unserem Schaden verwendet werden könnten, hatten es unsere Vorfahren leichter, denn ihnen war immerhin klar, wer sie beobachtete: das Auge Gottes. Hieronymus Bosch, dessen Todestag sich heuer zum fünfhundertsten Mal jährt, hat es in seinem Gemälde Die Sieben Todsünden dargestellt. »Cave cave deus videt«, zu Deutsch »Hüte dich, hüte dich, Gott sieht [es]«, lautet die Inschrift unterhalb der strahlenumkränzten Pupille, aus der der Heiland den SünderInnen entgegenblickt. Um ihn herum hat der Maler jene Vergehen, die es zu vermeiden gilt, in einem Rad abgebildet, das auch auf die Weltkugel anspielt: Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Trägheit – die Sieben Todsünden. Die Sorge, von Gott für die eigenen Übertretungen bestraft zu werden, mag verschwunden sein, nicht aber die Todsünden selbst – im Gegenteil: Sie prägen unsere Welt. Hiervon zeugen etwa der Hochmut eines Donald Trump, die Gier des Apple-Konzerns oder die Zerstörungswut terroristischer Milizen. In den Sphären der Musikgeschichte geht es glücklicherweise weniger bedrohlich zu. Die Todsünden aber haben auch hier seit jeher prächtige Blüten getrieben. Ihnen verdanken wir Figuren wie den Zornbinkel Osmin aus der Entführung und den Wollüstling Scarpia aus Tosca, aber auch Kuriosa wie Joseph Haydns Lob der Faulheit, das Tanzstück Schlagobers von Richard Strauss, das dem Zuschauer sogleich das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt, und natürlich das berühmte Ballett Die sieben Todsünden von Bertolt Brecht und Kurt Weill. Neidischen Sängerinnen, hochmütigen Komponisten und verfressenen Stars ist dieses Heft gewidmet. Dass Christian Gerhaher uns für ein Interview zu diesem Thema zur Verfügung stand, freut uns ganz besonders. Einen Seitenblick auf die Auswüchse der Todsünden in anderen Bereichen der Kunst wirft Hartmut Krones in seinem Beitrag über die Dadaisten. Vor genau einhundert Jahren legten sie mit der Eröffnung des Cabaret Voltaire in Zürich den Grundstein zu einer Kunstrichtung, deren Wirkung und Faszination bis heute anhält. Also: Kochen Sie sich eine gute Tasse Heiße Schokolade, am besten mit viel Schlagobers, und gönnen sich ein paar faule Stündchen mit der Lektüre dieses Heftes. Eine kleine Sünde ist diese Ausgabe der ÖMZ schon wert …