ÖMZ 6: "Abenteurer der Musik"

Abstract

ÖMZ 6/2013 CoverIn den letzten Jahren ist das Interesse am Biographischen sprunghaft gestiegen –in der Belletristik und im Feuilleton, aber auch in der Musikpublizistik. Rüdiger Safranski wurde mit seinen deutsch-idealistischen Darstellungen großer Wortkünstler zum Bestseller-Autor. Mit Goethe! oder dem Schiller-Schinken Die geliebten Schwestern werden Klassiker-Biographien für den heute lukrativen Kostümfilm sexualisiert. Cecilia Bartoli geht mit Komponisten-Revolvergeschichten hausieren. Vor diesem Hintergrund ist nicht nur die Frage medialer Ausbeutung von Künstlerbiographien virulent, sondern auch die Gewichtung von Werk- und Lebensdarstellung in „seriösen“ Bahnen. Chemisch reine Methoden gibt es auf dem Terrain der Romane so wenig wie auf dem der TV-Zuschneiderungen. Auch nicht in der (ohnedies hochgradig spekulativ angelegten) Literatur, die mit wissenschaftlichem Anspruch operiert.
Während sich die Diskussionen über die nicht wegzudiskutierenden Phänomene kunterbunt anlassen, schneien immer neue Jubiläen in die Redaktionsstube, die „aufgearbeitet“ sein wollen. Wie z. B. ist die Lebens- und Kunstleistung Carl Philipp Emanuel Bachs aufs Neue angemessen in Erinnerung zu rufen? Und wie wäre hinsichtlich des biographisch womöglich interessanteren großen Bruders zu verfahren? Der Versuchung, die Ursachen des Booms der persönlich gerichteten Neugier methodisch ergründen zu wollen und die Motivationen zu systematisieren, konnte die ÖMZ-Redaktion widerstehen. Nicht aber der Idee, gesellschaftliche und individuelle Umstände unter die Lupe zu nehmen, welche Interpreten und Komponistinnen Lebensformen bescherten, die als extrem angesehen wurden und das Verständnis der jeweiligen Lebensleistungen begrünen bzw. überschatten. Ausgewählt wurden vier Männer und vier Frauen aus vier Jahrhunderten, an deren früh hervortretenden Lebensentwürfen oder deren aus „geordneten“ Bahnen laufenden Lebenswegen sich exemplarisch Probleme aufzeigen lassen – auch die der erkenntnisträchtigen, sinnvollen und schicklichen Biographieschreibung: Carlo Gesualdo, Barbara Strozzi, Agostino Steffani, Filippo Balatri, Louis Moreau Gottschalk, Hortense Schneider, Ethel Smyth und Bessie Smith. Bei all diesen Glückskindern und Unglücksraben des wirklichen Lebens ist von Interesse, wie das (beschädigte) Werk jeweils ein Äußerstes freisetzte, und stellt sich die Frage nach angemessener Darstellung subtiler Zusammenhänge und Widersprüche.

Das Team der ÖMZ