ÖMZ 6: Spiritualität als Gnade und Zumutung

Abstract

ÖMZ 6/2015 CoverLiebe Leserinnen und Leser,

2015 hat sich Europa sichtbarer und spürbarer verändert als je in den letzten Jahrzehnten. Während wir die Texte dieses Heftes Korrektur lesen, nimmt an der Südgrenze das »Türl mit Seitenteilen « festere Konturen an. Der österreichische Kanzler, der noch kurz zuvor Viktor Orbán wegen dessen gravierenden Mängeln bei der »Willkommenskultur« scharf rügte, lässt mitteilen, auch unser Land brauche nun »eine technische Sicherungsmaßnahme«. Die Rechtspopulisten feixen. Während eine Minderheit aufreibende tätige Hilfe leistet, hält die vorherrschende Ratlosigkeit hinsichtlich Lösungen für die immensen Herausforderungen an.
In dieser Situation müht sich der größte Teil der für die Büchermärkte produzierten Literatur, unterhaltsam und dadurch marktgängig zu sein. Dennoch hält sich der Glaube, sie sei auch Indikator gesellschaftlicher Zu- und Miss-Stände – zumindest ein halbwegs zuverlässiges Fähnlein im Wind. Und was zeigt das im Herbst 2015 an? Der Trend zum leicht Konsumierbaren, TV-Prominenten und Esoterischen hat sich noch verstärkt. Stattliche Batterien von Büchern versprechen Starthilfe beim Rennen nach dem Glück (das Glück rennt hintendrein). »Neu ist die tiefe Zuneigung für überkonfessionelle Esoterik (Rhonda Byrne, Dalai Lama), sie löst die theologischen Schlachten der Vergangenheit (Küng gegen Ratzinger) ab«, resümiert Hannes Hintermeier (FAZ 14. 10. 2015).
Mit der Musik und dem Musiktheater verhält es sich grundsätzlich nicht viel anders als mit der Belletristik. Der Unterschied besteht darin, dass die Tonkünste und die von jahrelangen Vorlaufzeiten abhängigen größeren Musiktheaterbetriebe nicht so schnell auf die virulenten Themen Islam, Flüchtlinge und Integration reagieren (können) – die »kleineren Formate« (ÖMZ 5/2015, S. 88f.) und verschiedene Genres der populären Musik jedoch durchaus. In den Hauptfeldern reagiert der Musikbetrieb durch verstärktes Angebot von Wohlfühlmusik und durch die Ausweitung der Seichtgebiete bei der Moderation von Musik.
Je komplizierter die Gegenwart empfunden wird, desto größer erweist sich offensichtlich das Bedürfnis nach »geistlichem Halt«, nach tönender Seelenwärme und nicht zuletzt überkonfessionell klingender Esoterik. Dass eine Mehrheit der Produzenten und Konsumenten von Musik des verschiedensten Zuschnitts nicht ohne (individuell höchst unterschiedlich definierte!) Spiritualität auskommt und dass gerade auch im Musik(theater)leben deren Anschwellen spürbar ist, durchzieht die Texte des Thementeils in diesem Heft. Die Geister von Musik(auffassungen), die neue Balancen herzustellen trachten für ein »Leben im Ungleichgewicht«, scheinen – in der Regel eher unauffällig – auf dem Vormarsch. Unter ästhetischen Auspizien kommt es ebenso auf die Dosierungen und Intensitätsgrade wie auf die Formen und Intonationen an. Ein Wiener Komponist und Dirigent gibt in diesem Kontext zu bedenken, dass »Spiritualität in dem Moment, da man sie zum kommerziellen und kommunizierbaren Allgemeingut erhebt, nicht mehr existiert« (s. S. 20).