ÖMZ 6: O Fortuna - Musikalische Glücksverheißungen

Abstract

ÖMZ 6/2016 CoverLiebe Leserinnen und Leser,

»Wir haben die Kunst«, schrieb Friedrich Nietzsche 1888, »damit wir an der Wahrheit nicht zugrunde gehen«. Das erscheint als eine ziemlich defensive Definition angesichts dessen, was gerade die Musik den meisten Menschen verspricht. Was sie in ihnen an Erwartungen schürt und nicht zuletzt deshalb weithin zur Ersatzreligion avancieren ließ. Äußerst oft gesellt sie sich hinzu, wenn das Glück mit Worten aller Arten verhandelt wird: ein kostbares, aber unverkäufliches und zerbrechliches Gut. Es komme »selten per Posta zu Pferde«, komponierte Georg Philipp Telemann im frühen 18. Jahrhundert. In dessen späterem Verlauf rückte es – und das war menschheitsgeschichtlich neu – als Verheißung in die Verfassung der Vereinigten Staaten von Nordamerika ein, dann in Edikte Napoléons, die das »Glück der Völker« anriefen. Hundert Jahre nach Telemann brachte Heinrich Hoffmann (›von Fallersleben‹) »des Glückes Unterpfand« in jenen Strophen unter, die zur wirkungsmächtigsten Parodie der Haydn’schen Kaiserhymne wurden.
Schon in den Carmina Burana, den um 1230 in Benediktbeuern gesammelten 254 mittellateinischen, mittelhochdeutschen, altfranzösischen bzw. provenzalischen Vaganten-Liedern unbekannter Autoren des 11. und 12. Jahrhunderts, wird Fortuna (das Schicksal) angerufen – Carl Orff versah einige dieser Dichtungen 1937 mit Musik. In etlichen Werken aus der Frühzeit der Oper trat die Glücksgöttin höchstpersönlich auf den Plan. Sie mischte sich in Monteverdis Ritorno d’Ulisse in patria ein, zuvor schon in Francesco Cavallis La Didone und L’Ormindo. Sie geisterte noch ein gutes Jahrhundert später durch Niccolò Jommellis Fetone und durch Il sogno di Scipione des jungen Mozart. In Cavallis Eliogabalo wurde bemerkenswert früh das Prickeln und der Fluch des Hedonismus zum zentralen Thema eines musikdramatischen Werks von Rang.
»Stillvergnügt« musizierte nicht nur das Streichquartett in der biedermeierlichen Bürgerstube des 19. Jahrhunderts – mit dem Titel und den Tönen von Glückes genug fasste Robert Schumann Klavier-Pièce (Kinderszenen, op. 15, Nr. 5) eine in Deutschland und Österreich weitverbreitete Geistes- und Gemütshaltung in eine kaum zu übertreffende musikliterarische Chiffre. »Wochenend und Sonnenschein«, sangen die Comedian Harmonists, »brauchst du mehr, um glücklich zu sein?« Die Sehnsucht nach dem raren Glück durchzieht die Texte der Schlager in Geschichte und Gegenwart wie ein roter Faden, die Klage über das verlorene als Leitmotiv das Opernrepertoire. Musik in bestimmtem Zuschnitt und geeigneter Dosierung kann nicht nur pauschales Versprechen, sondern gezielt Stimulanz sein. An die glückbringenden Potenzen der Musik richten sich die erheblichsten Sehnsüchte. Zum omnipräsenten Thema des »Rennens nach dem Glück« gehört schließlich die Jagd nach dem musikalisch Exquisiten – und dann eben auch »Elitären«. Schließlich sogar das mehr oder weniger stille Glück des musikalischen Experiments (»das Glück rennt hinterher «). Indem der Zusammenhang von Musik, (Un-)Glück und Freiheit in E- wie U-Musik der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart thematisiert wird, erschöpft sich das nicht enden wollende Thema keineswegs im Historischen. › Die Redaktion